Wiederentdeckte Perle der Romantik

Meldung vom 13.10.2017
Hartmut Kasper

Hartmut Kasper zur Aufführung des Oratoriums "Die letzten Dinge"

Das Oratorium „Die letzten Dinge" von Louis Spohr (1784-1859) führen der Madrigalchor Alu Singen mit nahezu 80 Sängerinnen und Sängern, die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz in großer romantischer Besetzung mit rund 40 Musikern sowie die Solisten Julia Küsswetter (Sopran), Barbara Kasper (Mezzosopran), Raoul Bumiller (Tenor) und Michael Marz (Bariton) unter der Leitung von Hartmut Kasper am Sonntag, 22. Oktober um 17 Uhr in der Stadthalle Singen auf. Im Interview berichtet Dirigent Hartmut Kasper über seine Auseinandersetzung mit dem Werk.

Herr Kasper, was hat Sie bewogen, das Oratorium „Die letzten Dinge“ von Louis Spohr für ein Konzertprogramm in der Stadthalle Singen auszuwählen?

Wir suchen für unsere Programme immer wieder eher selten aufgeführte Werke heraus. Im Gesamtwerk Louis Spohrs nimmt die geistliche Musik nur einen geringen Anteil ein, war er doch als herausragender Violin-Virtuose im 19. Jahrhundert bekannt. Seine Oratorien sind nicht als liturgische Musik aufzufassen. Es besteht also keine Bindung an den sakralen Raum. Diese war schon im späten 18. Jahrhundert in dem Maße aufgegeben worden, in dem sich die vertonten Texte von biblischen Grundlagen entfernten; meist waren sie ein recht heterogenes Gemisch aus wenigen Bibelversen, traditionellen Chorälen und freier Dichtung. Im Mittelpunkt des Interesses standen menschliche Gefühle als Reaktion auf biblische Themen.

Was ist das Besondere an diesem Oratorium?

Die Uraufführung fand am Karfreitag 1826 in der lutherischen Kirche in Kassel statt, einem Tag an dem traditionell eine Passions-Vertonung erklingen sollte und nicht dieser Text aus der Johannes-Offenbarung, der in der Regel am Ende des Kirchenjahres verwendet wird. Bereits wenige Wochen später erklang das Oratorium an Pfingsten in Düsseldorf und wurde schon zu Lebzeiten des Komponisten eines seiner bekanntesten und am meisten bewunderten Werke. Der Text von Friedrich Rochlitz zeigt eher ein Gemälde der Apokalypse als eine Handlung. Entsprechend verzichtet Spohr auf eine opernhafte Überfrachtung und virtuose Arien und damit auf die Dramatisierung des Endgerichts und legt das Gewicht auf den festlichen Charakter der Musik.

Was hat Sie bei der Auseinandersetzung mit dem Oratorium bewegt?

Der Charakter der Musik stand bei meiner intensiven Beschäftigung mit dem Werk an erster Stelle. Spohr verfasste die eingängigen Chorpartien voller inniger Empfindsamkeit aber auch mit aufwühlender Dramatik und überlegen eingesetzter Chromatik. Die Solisten fungieren teilweise als Vorsänger oder im Wechselgesang mit dem Chor und bilden dadurch eine Einheit. Die selbstständige Orchestermusik in der Ouvertüre und in der Sinfonie zu Beginn des zweiten Teils war für die damalige Zeit außergewöhnlich. Ebenso die tonmalerischen Elemente im Anschluss an den Chorsatz "Gefallen ist Babylon", in dem die letzte Aussage "sie zagen, sie beben" mit allen Instrumenten des romantischen Sinfonieorchesters fortgeführt und verstärkt wird.

Das Oratorium wurde ja in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts häufig aufgeführt und geriet dann in Vergessenheit. Wie kam es denn zu seiner Wiederentdeckung?

Obwohl das Werk zu Spohrs Lebzeiten zu seinen bekanntesten gehörte, ist das Autograph Louis Spohrs verschollen. Den ersten Klavierauszug ließ Spohr 1827 im Selbstverlag erscheinen. In England hatte die Komposition einen besonderen Eindruck nach der Erstaufführung 1830 in Norfolk hinterlassen. Die Grundlage der ersten gedruckten Partitur, 1881 in London erschienen, ist nicht eindeutig zu ermitteln. Die erste kritisch-wissenschaftliche Ausgabe durch Dieter Zeh, den Kantor der Evangelischen Kantorei Grenzach, in Zusammenarbeit mit Irene Schallhorn, erschien 2008. Seither wird das Werk  wieder in regelmäßigen Abständen aufgeführt.

Wie gestaltet sich das Zusammenspiel mit den Solisten, die ja auch aus der Pfalz, aus dem Nordschwarzwald und aus Franken kommen? 

Mit den Solisten wurden einzeln im Voraus Verständigungsproben mit Klavierbegleitung abgehalten. Damit konnten wesentliche Punkte zur Interpretation geklärt werden. Die Orte und Termine wurden so festgelegt, dass für alle Beteiligten ein möglichst geringer Zeit- und Fahrtaufwand notwendig wurde. Als Quartett werden alle vier Solisten erstmals gemeinsam mit dem Chor und dem Orchester zwei Tage vor der Aufführung proben und musizieren.

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