Wem gehört das Leben?

Meldung vom 24.10.2020
Der Anwalt des lebensmüden alten Mannes (Christian Meyer) hält ein flammendes Plädoyer für die Selbstbestimmung seines Mandanten. Im Hintergrund v.l.: der Mediziner (Wolfgang Seidenberg), der Mandant (Ernst Wilhelm Lenik) und die Vorsitzende des Ethikrates (Patrizia Schäfer) Bild: Tim Müller / T.Behind-Photographics

Südkurier: Stadthalle fSingen ührt das Theaterstück „Gott“ auf. Es geht um das brisante Thema Sterbehilfe

VON SANDRA BAINDL

Schon vor fünf Jahren wählte Ferdinand von Schirach für sein erstes Theaterstück „Terror“ das Format einer Anhörung mit einer abschließenden Abstimmung durch das Publikum. Damals galt es, ein Urteil über einen Bundeswehrpiloten zu fällen, der ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschießt, um einen Terroranschlag auf ein Fußballstadion zu vermeiden. Auch in seinem neuen Stück „Gott“ macht es der Jurist und Erfolgsautor seinen Zuschauernnicht  leicht. Wieder geht es um Leben und Tod. Diesmal nahm das Publikum in der Stadthalle Singen an einer Sitzung des Deutschen Ethikrates teil, der den Fall des Richard Gärtner behandelte. Gärtner, 78 Jahre alt, ist kerngesund, aber des Lebens müde, weil seine Ehefrau nach 42 Ehejahren verstarb und er ohne sie keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht. Deshalb bittet er seine Ärztin um das tödliche Betäubungsmittel Pentobarbital. So ist es nun an dem Ethikrat und dem Publikum, zu entscheiden, ob Gärtner dieser letzte Wunsch gewährt wird. Unterstützung erhält der Rat im Theaterstück in Form von drei Experten:einer Professorin für Verfassungsrecht, eines Vertreters der Bundesärztekammer und eines Mitglieds der Bischofskonferenz.

Rein rechtlich, so erfahren die Zuschauer, ist die Frage seit Februar dieses Jahres geklärt. Da erklärte das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe für verfassungswidrig. Somit dürfen Ärzte straffrei Sterbehilfe leisten. Doch ist auch ethisch vertretbar, was rechtlich erlaubt ist? Für die Rechtsprofessorin ist die Sache klar: es bestehe keine Rechtspflicht zu leben, der Patient habe Anspruch auf das tödliche Mittel. Jedoch läge es im Ermessen der Ärztin, dem Wunsch ihres Patienten nachzugeben oder nicht. Der Mediziner hingegen sieht es als Katastrophe an, Sterbehilfe zu leisten. Aufgabe der Ärzte sei es, Hoffnung zu geben und nicht dem Tod zu dienen. Vielmehr solle ein würdevolles Sterben dank der Palliativmedizin ermöglicht werden. Gleichzeitig befürchte er ein Aufweichen der gesellschaftlichen Moral. Mehr als einmal fällt der Begriff des Dammbruchs, bei dem ältere Menschen zu diesem Schritt genötigt werden könnten. Darüber hinaus sei es von der Beihilfe zur Selbsttötung nicht mehr weit bis zur Tötung auf Verlangen.

Für den Kirchenmann ist die Sache eindeutig: Suizid ist unmoralisch, egoistisch und ein Eingriff in die Souveränität Gottes. Und auch wenn es in der Bibel keine Stelle gebe, die Selbstmord verbiete, so gelte auch hier das 5. Gebot: Du sollst nicht töten. Nur Gott allein, der den Menschen das Leben geschenkt habe, habe das Recht, dieses auch wieder zu nehmen. Das letzte Wort vor der Abstimmung hat Richard Gärtner selbst: „Ich möchte nicht, dass jemand anders bestimmt, wann mein Leben zu Ende ist.“ Mit einer Mehrheit von 62 Prozent entschied sich das Singener Publikum in einer Abstimmung per Handzeichen dafür, dem Protagonisten seinen letzten Wunsch zu erfüllen – wie übrigens die Mehrheit aller Zuschauer des Stückes europaweit. Die Abstimmungsergebnisse der einzelnen Aufführungen können auf www.gott.theater verfolgt werden.

Das letzte Wort an diesem Abend blieb dem Anwalt des lebensmüden alten Herrn: „Der Mensch selbst ist das Maß. Wem, wenn nicht uns, gehört unser Sterben?“ Ein Satz, der nachdenkliche Zuschauer in den Abend entließ.

Ferdinand von Schirach
Der 1964 in München geborene Strafverteidiger machte 1984 sein Abitur in St. Blasien. Nach seinem Jurastudium in Bonn und einem Referendariat in Köln ließ er sich 1994 als Anwalt in Berlin nieder. 2009 veröffentlichte er unter dem Titel „Verbrechen“ elf Kriminalgeschichten, die an Fälle aus seiner Praxis angelehnt waren, wofür er mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde. Sein Werk umfasst inzwischen zehn Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Auch schrieb er zwei Theaterstücke.

Quelle: Südkurier


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