Sozialer Klebstoff in der Kaffeepause

Meldung vom 22.06.2022
Anja Göritz (c) Stefanie Salzer-Deckert

VON STEPHAN FREISSMANN

Kaffeepause, Besprechung, Begrüßung von neuen Mitarbeitern – Rituale gibt es in Unternehmen an allen Ecken und Enden. Jeder Arbeitnehmer kennt sie, doch was leisten sie für den Zusammenhalt und die Gemeinschaft im Unternehmen? Dieser Frage geht Anja Göritz nach. Die 49-Jährige ist Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Universität Freiburg. Und am Donnerstag, 23. Juni, ist sie zu Gast in Singen. Am frühen Nachmittag hält sie den Impulsvortrag für das Nachmittagsprogramm des prestigeträchtigen Treffens für das Wirtschaftsleben der Region.

Die Bedeutung von Ritualen bringt Göritz auf eine griffige Formel: Sie seien ein sozialer Klebstoff, lautet ihre These. Denn Rituale fördern Gemeinschaftlichkeit, vermitteln Werte und führen dazu, dass sich die Menschen, die daran teilnehmen, ähnlich fühlen, erklärt sie. Kurzum: Rituale fördern die Gemeinschaftlichkeit, und zwar in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens, etwa auch bei Familienfeiern oder im Gottesdienst. Göritz’ Forschungsschwerpunkt, aus dem sie beim Wirtschaftsforum berichtet, sind indes Rituale in Organisationen, berichtet sie am Telefon – also etwa in Unternehmen oder Behörden.

Entsprechend hat sie vier Studien im Gepäck, wenn sie am Donnerstag nach Singen kommt. Sie und ihr Team haben dabei die Wirkungsweise von Ritualen untersucht. Darin geht es etwa darum, welche Wirkung von Ritualen Mitarbeiter feststellen, oder darum, ob gute oder schlechte gemeinsame Erfahrungen für mehr Zusammenhalt sorgen. Und auch eine Studie ist dabei, bei der die Mitarbeiter eines echten Unternehmens zu Versuchsteilnehmern wurden. Profis in dem Gebiet nennen diese Art von Untersuchung eine Feldstudie.

Dabei haben die Forscher in einem mittelständischen Unternehmen in Freiburg ein Sportprogramm eingerichtet und beobachtet, welche Auswirkungen die gemeinsame Bewegung auf den Zusammenhalt unter den Teilnehmern hatte. Und das natürlich streng wissenschaftlich, mit verschiedenen Varianten, etwa mit synchronen oder nicht-synchronen Bewegungen – oder auch als Kontrollgruppe mit einem späteren Termin für das Sportprogramm. So viel sei hier verraten: Der Zusammenhalt war am höchsten in der Gruppe, die gemeinsam synchrone Bewegungen gemacht hat. Und: in dieser Gruppe seien sogar die Krankheitstage der Teilnehmer zurückgegangen.

Was können Unternehmen nun daraus lernen? Selbstverständlich können sich Unternehmen diese Befunde zum Thema Rituale zunutze machen, sagt Anja Göritz. Gerade die Feldstudie im Unternehmen zeige, dass vor allem gesundheitsfördernde Rituale in Firmen empfohlen werden können. Eine Herausforderung ist das allerdings in einer Zeit, in der viele Menschen im Homeoffice arbeiten – sei es zum Schutz vor einer Corona-Infektion oder, weil Mitarbeiter und Arbeitgeber sich auf zeitweises Arbeiten zu Hause geeinigt haben. „Viele Rituale, die es sonst in Organisationen gibt, finden dadurch nicht mehr wie gewohnt statt“, so Göritz. Doch sie habe auch ein paar Ideen dazu, was Unternehmen dem entgegensetzen können, sagt sie – ohne mehr zu verraten.

Person, Veranstaltung und Gewinner von Eintrittskarten

Zur Person: Anja Göritz, 49, ist seit 2011 Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Universität Freiburg und leitet dort die Abteilung Wirtschaftspsychologie. Zuvor war sie Professorin für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Uni Würzburg. Göritz stammt aus dem Harz, hat in Leipzig und Frankreich studiert und hat an der Uni Erlangen-Nürnberg habilitiert. Über die Internetseite www.wisopanel.net leitet sie auch Internet-basierte Untersuchungen. Dort kann man sich für die Teilnahme anmelden.

Der Nachmittag: Das Wirtschaftsforum in der Singener Stadthalle findet am Donnerstag, 23. Juni, statt. Der Titel lautet „Vom Ich zum Wir“. Die Veranstaltung beginnt um 11.45 Uhr mit einem Imbiss. Um 12.35 Uhr begrüßt Moderator Michael Gleich die Teilnehmer. Der Impulsvortrag für das Nachmittagsprogramm von Anja Göritz beginnt um 12.55 Uhr. Ab 14.20 Uhr gehen die Teilnehmer in eine Workshop-Runde. Michael Nusser wird die Teilnehmer zu Team-Aufgaben ins Freie holen. Roberto Hirche wird die Methoden des Improvisationstheaters nutzen, um eine neue Art von Miteinander zu zeigen. Michael Gleich zeigt unter dem Stichwort „New Work“ eine neue Unternehmenskultur auf.

Der Abend: Der Abendvortrag am Donnerstag, 23. Juni, ab 19.30 Uhr in der Stadthalle, steht unter dem Titel „Eine neue Wir-Kultur? Warum wir mehr Kollaboration lernen müssen“. Rednerin ist die Zukunftsforscherin und Coach Kirsten Brühl. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Bildung von Gemeinschaften verändert. Schlüsselbegriffe des Vortrags werden kreativ vom Improtheater Konstanz unter der Leitung von Roberto Hirche in Szene gesetzt. Zum Abschluss darf das Publikum in einem Diskussionsformat in Aktion treten. Moderiert wird der Abend von Stephan Freißmann, Leiter der Singener Lokalredaktion des SÜDKURIER, der Medienpartner der Wirtschaftsforums ist.

Eintrittskarten: Der Eintritt für den Abendvortrag kostet 12 Euro, Abonnenten der Stadthalle erhalten eine Ermäßigung von 50 Prozent. Das Tagesticket für den Nachmittag kostet 140 Euro, das Kombiticket für Nachmittag und Abend 150 Euro. Tickets gibt es unter www.singencongress.de/wirtschaftsforum und www.stadthalle-singen.de


Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzerklärung X