Klangvoll durch „Die Jahreszeiten“

Meldung vom 18.10.2022
Applaus für eine großartige Leistung bekamen der Madrigalchor Alu und die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz sowie die Solisten Constanze Gellissen (Sopran, links), Klemens Mölkner (Tenor, Mitte) und Bariton Michael Marz (rechts) unter der Leitung von Hartmut Kasper (2.v.l.). | Bild: Trautmann, Gudrun

VON GUDRUN TRAUTMANN

Leuchtende Gesichter nach der Aufführung: Die Sängerinnen und Sänger des Madrigalchores Alu Singen können stolz sein auf ihre Leistung. In mehr als zwei Stunden haben sie zusammen mit dem Orchester der Südwestdeutschen Philharmonie und den Solisten Constanze Gellissen (Sopran), Klemens Mölkner (Tenor) und Michael Marz (Bariton) ihr Publikum in der fast ausverkauften Singener Stadthalle in den Bann gezogen. Die Gesamtleitung hatte Hartmut Kasper.

 
Ein beschwingtes Werk sollte es sein zum 75. Jubiläum der 1946 als Werkschor gegründeten Sängergemeinschaft. Also entschied man sich für „Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn. Obwohl es sich um ein Alterswerk des Komponisten handelt, kommt die Musik frisch und fröhlich daher.

Idyllischer Jahreslauf
Haydn zeichnet ein ländliches Idyll im Ablauf eines Jahres: eine Tonmalerei, die die Zyklen des Jahres vom Frühlingserwachen über die Hitze des Sommers, die Ernte im Herbst und die Tristesse des Winters zeichnet. Da erscheint der fröhliche Ackermann, der seine Furchen zieht und die Felder bestellt. Da lockt das Volk (Chor) in zarter Freude „Komm holder Lenz“. Da wandeln die „Mädchen und Burschen“ durch liebliche Auen und Felder. In all dem darf die Bitte an den „milden Himmel“ nach Regen ebenso wenig fehlen wie das Lob an den „ewigen, mächtigen und gütigen Gott“.

 
Den rund 60 Sängerinnen und Sängern gelingt es zusammen mit dem Orchester und in Zwiesprache mit den Solisten, die verschiedenen Stimmungen der Jahreszeiten einfühlsam umzusetzen. Was mühelos klingt, ist über weite Strecken ein Kraftakt für die Stimme. Vor allem die ständige Höhe in den Frauenstimmen muss erstmal über zwei Stunden durchgehalten werden. Barbara Kasper hat den Chor bestens darauf vorbereitet.

Freude und Wehmut
Im Publikum sitzen auch Sänger, die viele Jahre selbst aktiv waren. Die Anstrengung für so ein großes Werk, die Verantwortung für die Tonqualität, die jeder Einzelne mittragen muss, war ihnen zu groß. Man muss wissen, was man seiner Stimme zumuten kann. Jetzt vereinen sich Freude und Wehmut. Freude über das gelungene Konzert und Wehmut, weil ihnen der Chorgesang und die Gemeinschaft fehlen. Im Publikum sitzen auch ehemalige Werksleiter der Aluminiumbetriebe. Sie fühlen sich dem Chor ebenso verbunden wie Oberbürgermeister Bernd Häusler.

Eine Ausstellung mit alten Plakaten und Programmheften, Schallplattten und CDs dokumentiert die 75-jährige Geschichte des Madrigalchores Alu im Foyer der Singener Stadthalle. | Bild: Trautmann, Gudrun
In der aufwendig gestalteten Jubiläumsfestschrift wird erkennbar, welchen kulturellen Beitrag der Chor in 76 Jahren für die Stadt Singen geleistet hat. Das zeigt auch eine Ausstellung im Foyer der Stadthalle, die mit alten Plakaten, Fotos, Partituren, Zeitungsartikeln, Langspielplatten und CDs die lange Geschichte dokumentiert.

In der Pause nutzten die Besucher die Gelegenheit, in Erinnerungen einzutauchen. „Da ware mer“, sagt ihre Frau zu ihrer Begleitung und zeigt auf das Plakat zu „Carmina Burana“. Eine weiße Friedenstaube breitet ihre Flügel auf dem Plakat aus, das auf Jenkins‘ „The Armed Man“ hinweist. Man ist erstaunt über die Vielzahl der Chor- und Orchester-Konzerte unter den vier Dirigenten.

Die Vorbereitung und auch der finanzielle Aufwand sind enorm. Das muten sich nicht mehr so viele Chöre zu; ganz abgesehen davon, dass die Zahl der Chöre schrumpft. Umso dankbarer sind die Freunde des Chorgesangs über Ereignisse wie dieses.

Hitze und ein heftiges Gewitter
Mittlerweile haben die Zuhörer in der Stadthalle erlebt, wie die drückende Sommerhitze Mensch und Tier ermatten lässt, wie Quellen versiegt und Wiesen verdorrt sind. Klemens Mölkner zeichnet mit seinem lyrischen Tenor ein lebendiges Bild. Doch gleich darauf lassen die Streicher im Orchester einen Bach rieseln und der Chor beschreibt (begleitet von Pauken) ein heftiges Gewitter. Danach kehrt Ruhe ein.

Nach der Pause befindet man sich im Herbst. Es ist Zeit der Ernte, und eine Liebesgeschichte zwischen Hannchen (Constanze Gellissen) und Lukas (Klemens Mölkner) darf auch nicht fehlen. – Ganz schön kitschig. Überhaupt hat Haydn in seinem Spätwerk ziemlich viel auf Emotion gesetzt. Und die kommt beim Publikum auch heute noch gut an. Unterdessen wechselt Michael Marz, der mit seinem Bariton die Rolle des Erzählers übernimmt, über zu einer Jagdszene. Der Chor schmettert sein „Halali“.

Musik zum Träumen
Bald darauf befindet man sich schon in der Weinernte und bei einem fröhlichen Volksfest. Erntedank! Der Chor hat sich noch einmal gesteigert. Es scheint, als wäre das Landleben ein einziges Idyll. Haydn hat eine Musik geschrieben, die die Menschen zum Träumen bringt. Das Publikum in der Stadthalle nimmt das dankbar auf.

Doch dann erklingt der Winter in dunklem Moll und erinnert daran, dass es auch Mühsal gibt: Die Kälte, der verirrte Wanderer, das rettende Licht einer Bauernkate, in der man sich Geschichten erzählt. Der alte Bauer Simon (Michael Marz) erinnert an die Sterblichkeit. Doch es gibt auch Hoffnung. In einer großen Schlussfuge verweisen Chor und Solisten gemeinsam auf eine höhere Ordnung. Danach erschallen die Bravorufe im Saal.

Heiles Weltbild trotz Krise
Man kann sich immer fragen, ob so ein heiles Weltbild noch zeitgemäß ist. Es ist Krieg in Europa, Corona, das Klima spielt verrückt und die Energiekrise droht die Gesellschaft zu spalten. Für gute zwei Stunden durften die Konzertbesucher das alles vergessen, in eine andere Zeit eintauchen und anschließend mit zahlreichen Ohrwürmern nach Hause gehen.

Quelle: Südkurier


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