Kein Närrischer Ohrwurm mehr in Singen

Meldung vom 01.02.2020
Der Lichtverantwortliche der Stadthalle Michael Lorz hatte stets einen ungewöhnlichen Blick auf die Bühne des Närrischen Ohrwurms. Doch die Live-Sendung aus Singen ist Geschichte. Bild: Michael Lorz

Zwölf Mal gab es Fastnachtsmusik von regionalen Bands im SWR-Fernsehen, doch die Quoten wurden zunehmend schlechter und auch das Publikum in der Singener Stadthalle war spärlich. Nachdem der SWR auf SÜDKURIER-Nachfrage das Aus der Sendung bestätigt, erinnern sich Beteiligte an den großen Aufwand und die vielen schönen Momente.

VON ISABELLE ARNDT


Den Text hat Peter Keller schon in der Schublade, für die Melodie habe er bereits einige Ideen gehabt. Doch die braucht er nun nicht mehr, denn der Närrische Ohrwurm ist Geschichte und so wird er kein siebtes Mal auf der Bühne der Singener Stadthalle stehen. Bei der Live-Sendung des SWR konnten Bands ihre Fastnachtsmusik präsentieren, doch in den vergangenen Jahren kam dieses Konzept immer schlechter an, wie der SWR-Verantwortliche Alexander Göbel berichtet. Im vergangenen Jahr schalteten nur noch 115 000 Menschen ein – zu wenig für den großen Aufwand der Sendung, sagt Göbel. Denn bei der Premiere in Singen 2013 seien es noch 236 000 gewesen. Dennoch erinnern sich die Beteiligten gerne an zwölf Jahre Närrischer Ohrwurm. Sie berichten von Gründen für das Aus, dem großen Aufwand, aber vor allem vielen schönen Momenten.

Der Termin war ungünstig für Künstler und Besucher

„Wir waren wie eine große Familie“, berichtet Markus Brodbeck als Technischer Leiter der Stadthalle. Nach der Konzilfastnacht in Konstanz und dem Hohen Grobgünstigen Narrengericht in Stockach schlug das SWR-Team in den vergangenen Jahren stets in Singen seine Zelte auf. Ein Knackpunkt, warum das künftig nicht mehr so sein wird, war der Tag: „Der Termin hätte am Anfang der Fastnacht sein sollen, damit der Ohrwurm bis dahin auch gespielt werden kann“, sagt Roland Frank als Geschäftsführer der Kultur und Tourismus Singen. Doch der Närrische Ohrwurm war am Fastnachtssonntag, wo viele Künstler und Zuschauer anderweitig beschäftigt sind. Und so waren es am Ende nur noch rund 300 Besucher, wo 600 Platz gehabt hätten. Geplant war mal eine Sendung für den 31. Januar 2020 Für 2020 hätte das Konzept verändert werden sollen: Die Stadthalle habe sich Freitag, 31. Januar, für den Närrischen Ohrwurm freigehalten, sagt Roland Frank. Doch im Herbst sagte der SWR die Veranstaltung ab. Alexander Göbel erklärt das auch mit den höheren Kosten, die eine Produktion zu diesem Zeitpunkt bedeutet hätte. Denn der Fastnachtssonntag hatte einen organisatorischen Vorteil: „Das war die einzige Woche, die man problemlos blocken konnte“, sagt Roland Frank. Und für den aufwändigen Umbau brauchte das Stadthallen-Team diese Zeit. „Die Bühne stand ja komplett woanders“, sagt Brodbeck.

Das Format wuchs über die Region hinaus

„Das Format hat sich über die Jahre geändert“, schildert Roland Frank. Das regionale Produkt, wofür der SÜDKURIER ein Geburtshelfer gewesen sei, wuchs über den Kreis Konstanz hinaus. Zuletzt nahmen auch Musiker aus Rheinland-Pfalz oder NordrheinWestfalen teil.

Nach den Anfängen auf der Konstanzer Marktstätte fand der Närrische Ohrwurm für einige Jahre in der Jahnhalle in Stockach statt, bevor er nach Singen zog. „Hier war es ideal“, findet Frank. Beim Bau der Stadthalle sei die Logistik für eine Live-Übertragung gleich mitgedacht worden, die Leitungen liegen bereit. Und so sei es kein Problem, wenn ein Übertragungswagen so viel Strom brauche wie zwei bis drei Einfamilienhäuser. „Beim ersten Mal war es schon spannend, da haben wir wesentlich mehr geschwitzt“, erinnert sich Markus Brodbeck. Denn eine Live-Übertragung fürs Fernsehen sei etwas anderes als der normale Stadthallen-Betrieb.

Um 18.30 Uhr war der Glitter schon wieder weggewischt

„Das ist ein unglaublicher Tross, der da anreist“, schildert Brodbeck. Manche Beteiligte kamen vier Tage vorher, manche zwei Tage vorher und andere erst am Tag der Ausstrahlung – rund 70 SWR-Mitarbeiter kamen für den Ohrwurm nach Singen. „Das hat sich über die Jahre so gut eingespielt, dass man sich aufeinander gefreut hat.“ Die Sendung lief von 16 bis 18 Uhr und 18.30 Uhr sei der Glitter dann schon wieder weggewischt gewesen. 22 Uhr habe die Stadthalle dann fast so ausgesehen wie vor der Sendung. Ob da auch mal etwas schief lief? Kaum. „Das war fast zu schön, um wahr zu sein“, sagt Brodbeck. Sie hätten höchstens mal eine Probe von Samstag auf Sonntag verschieben müssen, weil eine Band so spät anreiste.

SWR-Redaktionsleiter bedauert das Ende: „Es ist ein schwerer Abschied“

Auch Alexander Göbel kann sich an keine große Panne erinnern. Er ist als Redaktionsleiter beim SWR für regionale Unterhaltung verantwortlich, also auch für die Fastnacht. Die Gewinner des vergangenen Jahres „EMB² & Die Aulendorfer“ hätten im Fernsehen allerdings furchtbar geklungen, weil beim Abmischen etwas schief lief. „Die Zuschauer haben das aber verziehen.“ Laut Göbel war es immer ein Spagat, dass die Stimmung in der Halle stimmt und im Fernsehen auch gut rüber kommt. Dafür habe man zuletzt die Zahl der Gruppen angepasst: Weniger Gruppen wurden ausführlicher gezeigt. Doch 2019 gab es mit 5,3 Prozent Marktanteil die schlechteste Quote des Ohrwurms. Die ganze Sendung von 2019 sehen Sie hier, die Kellerspatzen aus Engen ab Minute 55: „Es ist ein schwerer Abschied“, sagt Göbel. Denn es sei eine richtige OhrwurmFamilie gewesen – hinter und auf der Bühne. Manche Bands wie die Kellerspatzen aus Engen seien immer wieder gekommen. Nun werde sich der SWR aber etwas Neues überlegen was auch in Rheinland-Pfalz und dem Saarland Zuschauer finden soll: Erstmals werde der Umzug in Villingen am Fastnachtsdienstag, 25. Februar, übertragen.

Für Kellerspatzen war es vor allem viel Spaß

Peter Keller hat sie noch griffbereit, seine Erinnerungen an die Ohrwurm-Familie: Den großen roten Gutschein für die Aufnahme einer Demo-CD, den er mit den Kellerspatzen im vergangenen Jahr für den zweiten Platz gewann, eine DVD mit Aufzeichnungen der letzten Sendung und eine gläserne Trophäe, die seine erste Teilnahme im Jahr 2012 bescheinigt. Ob er nun fünf oder sechs Mal beim Ohrwurm aufgetreten ist, kann er gar nicht mehr genau sagen. Doch er war oft dabei und sang mit wechselnder Bandbesetzung. „Ich hab‘s gerne gemacht und die Leute haben mich immer gefragt, ob ich wieder mitmache“, sagt er. Auch in diesem Jahr sei er schon mehrfach angesprochen worden, doch man habe sich ja nicht wie sonst ab 11. November wieder bewerben können. Jetzt weiß er auch, warum.

Gewonnen hat er nie, meist erreichten die Kellerspatzen einen Platz im Mittelfeld. Dafür gab er alles, stellte sich 2019 trotz drei gebrochener Rippen auf die Bühne. Übertrieben ehrgeizig sei er aber nicht gewesen: „Ich habe nie ein Telefon dabei gehabt, um für uns anzurufen“, sagt er. Stattdessen hatte er Freunde und Bekannte im Gepäck, die ihre Kellerspatzen mit selbst gebastelten Plakaten anfeuerten. Der Närrische Ohrwurm sei für ihn eine Chance gewesen, Fernsehluft zu schnuppern. Sein Fazit? „Es war mal interessant zu sehen, wie es da zugeht.“ Der Närrische Ohrwurm sei eine gute Zeit gewesen.

Das Konzept

Beim Närrischen Ohrwurm traten zwölf Bands auf, um ein Lied zur Fastnacht zu präsentieren. Im vergangenen Jahr waren es nur noch acht Bands, weil bei der Live-Sendung im SWR zu jeder ein kurzes Vorstellungsvideo gezeigt wurde. Bewerben konnten sich Bands aus der gesamten Region. Während anfangs nur der Text selbst geschrieben sein musste, galt das später auch für die Melodie, erinnert sich der mehrfache Teilnehmer Peter Keller. Zuschauer konnten dann für ihren Favoriten anrufen, wobei im vergangenen Jahr erstmals auch eine Jury mitentschied.


Quelle: Südkurier


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