Ist die Solidarität in Gefahr?

Meldung vom 03.06.2022
Die Zukunftsforscherin Kirsten Brühl ist Hauptrednerin beim Singener Wirtschaftsforum 2022. Bild: Astrid Doerenbruch

VON STEPHAN FREISSMANN

Impfgegner, Krieg in der Ukraine, Sozialbetrug, Steuerhinterziehung – auf vielen Seiten kann man Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sehen. Und man kann leicht den Eindruck bekommen, dass die menschliche Solidarität – in der Anfangszeit der Corona-Pandemie noch gefeiert – auf dem Rückzug ist. Kann man da noch an ein Wir glauben? Man kann, sagt Kirsten Brühl.

Allerdings funktioniere ein Wir, eine Gemeinschaft, heutzutage anders, als man es gewöhnt war, sagt Brühl. Sie arbeitet als Coach und Zukunftsforscherin und beschäftigt sich seit 2014 intensiv mit der Wir-Kultur, wie sie es nennt. Und Besucher des Wirtschaftsforums in der Singener Stadthalle können am Abend des Donnerstags, 23. Juni, aus erster Hand hören, was es mit der neuen Wir-Kultur auf sich hat und wie sie das Arbeitsleben, aber auch die gesamte Gesellschaft verändert.

Denn Kirsten Brühl ist die Hauptrednerin bei dem prestigeträchtigen Treffen für das Wirtschaftsleben in der Region. Und sie ist bei der neunten Auflage der Veranstaltung die erste Frau, die in dieser Funktion auftritt, wie Organisator Reinhold Maier von der Singener Stadthalle schon beim Pressetermin im Vorfeld erklärte.

Von großen Kollektiven müsse man sich bei der neuen Wir-Kultur verabschieden, das ist Kirsten Brühls Kernthese. Denn die Welt werde komplexer und vernetzter. Und auch Formen von Zusammenarbeit müssten sich dadurch ändern. Überhaupt, die Unternehmen. Auch sie müssten sich einer komplexer werdenden Welt anpassen. Per Dekret von oben könne das aber nur begrenzt funktionieren. Viele Unternehmen bräuchten also eine neue Unternehmenskultur, in der mehr Wert auf Selbstverantwortung gelegt werde. In der Start-up-Kultur gebe es schon viele Beispiele, in denen das gut funktioniere. Doch bei großen Unternehmen sei das schwer zu erreichen: "Der Weg zur Selbstverantwortung ist lang und vertrackt." Doch dieser Wandel sei nicht nur bei Unternehmen wichtig, sondern erfasse viele Bereiche, sagt Kirsten Brühl. Heute diagnostiziert sie viele gute Ansätze für eine Wir-Kultur in Deutschland.

"Aber es könnte noch weiter gehen", erklärt die Zukunftsforscherin. Man denke in Deutschland noch sehr in alten Bezügen. Dabei gebe es viele Initiativen, die ihr Mut machten, etwa im Klimaschutz. Dass ein solches kleineres Wir auch eine geschlossene Gemeinschaft sein kann, ist Brühl dabei wohl bewusst: "Unter Angst und Stress wird Offenheit schwieriger und geht zurück." Der theoretische Überbau ihrer Überlegungen ist die Metatheorie der Veränderung nach Klaus Eidenschink. Diese analysiert andere Theorien der Veränderung und soll beispielsweise Beratern und Kunden Orientierung im Wandel bieten.

Warum hat die Zukunftsforscherin nie eine Karriere an einer Hochschule angestrebt? Kirsten Brühl hat dafür zwei Erklärungen: Einerseits wolle sie den praktischen Ansatz des Coachings nicht missen, diesen aber auch mit dem langfristigen Überblick der Zukunftsforscherin verbinden. Andererseits formuliert die studierte Volkswirtschaftlerin pointiert: "Ich ziehe gerne die Narrenkappe auf, um ungewöhnliche Hypothesen in die Welt zu bringen und zu überprüfen". Was nahe legt, dass in der Welt der Hochschule eine solche Narrenfreiheit vielleicht nicht überall gern gesehen wird. Und wenn man etwas Neues machen wolle, müsse man auf die schwachen Signale schauen. Mit anderen Worten: Gerade die Vorgänge, die noch nicht statistisch sichtbar werden, sind dann relevant – um dem Wandel auf die Spur zu kommen.

Zur Referentin und zum Wirtschaftsforum

Kirsten Brühl , 56, ist Coach und Zukunftsforscherin. Im Laufe ihrer 25 Jahre dauernden Berufstätigkeit hat sie verschiedene Beratungsansätze live erlebt, vom Start-up bis zur klassischen Unternehmensberatung. Seit dem Jahr 2014 beschäftigt sie sich verstärkt mit der Wir-Kultur. Ebenfalls seit 2014 heißt ihr Beratungsbüro Linking Minds, was etwa als "Köpfe verbinden" übersetzt werden kann. Kirsten Brühl gehört zum Expertennetzwerk des Zukunftsinstituts Frankfurt. In den 1990er-Jahren hat sie als Wirtschaftsredakteurin gearbeitet. Die asiatische Sicht auf die Welt hat sie schon immer interessiert, seit mehr als 20 Jahren praktiziert sie Meditation. Kirsten Brühl hat Volkswirtschaftslehre in Frankfurt und Stockholm studiert. Heute lebt sie in Frankfurt.

Zur Veranstaltung: Das Singener Wirtschaftsforum ist ein prominenter Anlass für das Wirtschaftsleben in der ganzen Region. Dieses Jahr findet die neunte Auflage statt, die Veranstaltung steht unter dem Titel "Vom Ich zum Wir". Nach zwei Jahren Corona-Pause steht das Wirtschaftsforum nun am Donnerstag, 23. Juni, im Kalender. Das Programm beginnt schon mittags mit Workshops in drei kleinen Gruppen. Der Impulsvortrag dazu kommt von Anja Göritz, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Universität Freiburg. Die Abendveranstaltung beginnt um 19.30 Uhr. Hauptrednerin ist die Zukunftsforscherin Kirsten Brühl, das Improtheater Konstanz wird Schlüsselbegriffe des Vortrags kreativ auf der Bühne umsetzen. Eintrittskarten gibt es bei der Tourist-Information Singen oder im Internet unter www.singencongress.de/wirtschaftsforum und www.stadthalle-singen.de Das Tagesticket ohne Abendveranstaltung kostet 140 Euro, das Kombi-Ticket für Nachmittag und Abend 150 Euro. Bis Freitag, 3. Juni, gibt es das Kombi-Ticket mit Frühbucher-Rabatt zum Preis von 120 Euro. Der Eintritt allein für die Abendveranstaltung kostet 12 Euro. Der SÜDKURIER ist Medienpartner des Singener Wirtschaftsforums.

Quelle: Südkurier


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