Bernd Häusler oder das Maß der Dinge

Meldung vom 20.01.2020
Spaßig ist‘s auch: Beim Singener Neujahrsempfang haben Landrat Zeno Danner, die Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger (Grüne) mit Ehemann sowie der Bundestagsabgeordnete Andreas Jung (CDU) trotz des ein oder anderen Seitenhiebs von OB Bernd Häusler einiges zu lachen. Bild: Sabine Tesche

Südkurier: Singens Oberbürgermeister spielt beim neujahrsempfang seinen stärksten polistischen Trumpf aus. Es ist sein Gespür für das Maß der Dinge.

VON THORSTEN LUCHT

Es läuft in Singen und zumal an diesem Abend ist das wörtlich zu nehmen. Es sind nur wenige Minuten über der Zeit für den auf 19 Uhr angekündigten Beginn der Rede von Oberbürgermeister Bernd Häusler und noch steht man am Freitag beim Neujahrsempfang plauschend beieinander, als der OB sich einmischt. „Also ich bin dann soweit und würde gern anfangen“, wirft er in die Gruppe ein, worauf man sich trollt und die Plätze einnimmt.

Und flott geht es weiter. Den knapp 1200 Besuchern in der Stadthalle steht ein gut einstündiger Bericht bevor mit vielen Haupt- und gelegentlichen Nebensätzen. Gleich zu Beginn macht Bernd Häusler dabei klar, dass er auf die Uhr schaut: „Bitte sehen Sie es mir nach“, so schickt er voraus, „wenn ich etwas nicht anspreche, auch wenn Sie gerne was dazu gehört hätten. Es ist keine böse Absicht und erst recht keine Geringschätzung. Es ist einzig und allein ein Zeitproblem, das kriege ich in einer Stunde nicht unter und Sie sind ja nicht nur wegen mir hier.“

Immerhin, in dieser auf 75 Minuten ausgedehnten Stunde spricht der OB eine Menge an. In Singen wird an allen Ecken und Enden gebaut und wenn’s nach Bernd Häusler ginge, könnte es sogar noch ein Stückchen mehr sein, wenn denn nur die Deutsche Bahn mitziehen würde. Die Umgestaltung des Herz-Jesu-Platz, die Anpassung der sozialen Infrastruktur der auf rund 48 000 Menschen angewachsenen Bevölkerung, insbesondere durch Investitionen in Schulen und Kindergärten, die Herausforderungen des Klimawandels etwa im Bereich der Mobilität oder des Bedarfs an Wohnungen, schließlich die sozialen Aufgaben einer Stadt durch die demografische Entwicklung oder die personelle Anpassung an das wachsende Sicherheitsbedürfnisses der Bevölkerung – in anderen Städten ähnlicher Größenordnung wären die Rathauschefs froh über den Bruchteil einer solchen Leistungsbilanz.

Die Auflistung von Tätigkeiten und Initiativen samt Vorbereitung von Projekten sorgt für das Gefühl von Bedeutung. Es heißt was, so flüstert dem Besucher eine innere Stimme zu, in so einer quirligen Stadt zu leben. Folglich gibt es immer wieder Ansätze zu spontanem Zwischenapplaus – allein Bernd Häusler lässt es nicht zu. Er hat es eilig und das persönliche Verdienst stellt er ohnehin in den Kontext eines konstruktiv arbeitenden Gemeinderats und einer motivierten Mannschaft im Rathaus.

Und doch geht’s ohne diesen OB nicht. Wäre da nur die Summe der Aktivposten, würde der Rede der Geist fehlen. Bernd Häusler holt gleichsam im Vorbeigehen Luft, ordnet ein, hält Maß. Das fällt ganz besonders bei den Ausführungen zum Klimawandel auf. Da ist zum Beispiel der Stromverbrauch der Stadt, der schon jetzt zu 69 Prozent aus regenerativen Energiequellen stammt. Oder der Beschluss, dass auf den städtischen Feldern kein Glyphosat ausgebracht werden darf, ebenso der Hinweis auf die Anzahl von 18 000 Bäumen im öffentlichen Raum der Stadt Singen. „Mehr geht immer“, sagt Bernd Häusler angesichts der Forderungen von Fridays-for-Furture, „aber nicht alles Wünschenswerte ist auch umsetzbar“. Jede Baumpflanzung in versiegelten Flächen beispielsweise kostet 10 000 Euro – der guten Absicht seien somit Grenzen gesetzt.

Auch sonst ordnet Bernd Häusler das Visionäre im Machbaren ein. Etwa beim Thema Parkplätze. „Das Auto wird weiterhin für die Menschen eine große Bedeutung haben“, sagt er, „diese Errungenschaft wird sich die Menschheit nicht nehmen lassen.“ Angesichts von 17 000 Einpendlern pro Tag sieht er bei aller persönlichen Wertschätzung von Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln die Notwendigkeit für Parkmöglichkeiten des automobilen Individualverkehrs.

Diese Bodenständigkeit wirkt bei Bernd Häusler offensichtlich zugleich als Korrektiv zu andernorts zelebrierten Gesten an den Mainstream. Das Wort des Notstands im Zusammenhang mit dem Klimawandel beispielsweise lehnt er allein wegen seiner fatalen Verwendung in der deutschen Geschichte ab, ebenso wie er bei dem Thema einen Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt mit Beschimpfungen oder Vorhaltungen zum Quatsch degradiert. „Ich möchte in Singen ein Miteinander und kein Gegeneinander, ich möchte Lösungen und keine Sprechblasen.“

Solche Einordnungen kommen bei Bernd Häusler ohne intellektuellen Überschlag aus und es sind Sätze diesen Kalibers, bei denen sich die Besucher das spontane Klatschen nicht nehmen lassen. Der Applaus hat damit seinen Anteil daran, dass die Rede des Oberbürgermeisters eine ähnliche Prägung aufweist wie das Leben in der Stadt. Schnell, aber nicht überhastet, aktiv und doch ohne Aktionismus, bedachtsam, gleichwohl frei von einer verkopft-lähmenden Analyse einer an Herausforderungen nicht gerade armen Zeit. Und so verlässt der Besucher den Neujahrsempfang, wie er ihn am Anfang erlebt: Es läuft in Singen.

Hilfe fürs Frauenhaus

Anders als in den meisten Städten und Gemeinden, kostet in Singen die Teilnahme am Neujahrsbesuch ein Eintrittsgeld, das für einen sozialen Zweck verwendet wird. Die Einnahme von 4000 Euro wird in diesem Jahr dem Singener Frauenhaus zur Verfügung gestellt. Bernd Häusler würdigte die Einrichtung als eine „Institution, die hervorragende Arbeit leistet. Frauen, die häusliche Gewalt erleiden mussten, finden dort – vielfach auch mit ihren Kindern – Zuflucht und Sicherheit.“ Das Frauenhaus sei für viele Frauen die Basis, um in ein normales und gewaltfreies Leben zurückzukehren. 



Quelle: Südkurier


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