"Steinzeit in der Stadthalle"

Meldung vom 29.01.2019
Ein Familienmensch mit Hang zum Risiko: Auch dieses Bild ist Teil von Thomas Hubers Vortrag "Stein Zeit". Gerne würde der Extremsportler bald schon wieder zusammen mit seinem Bruder Alexander (rechts) Berge und Bühnen erobern. Bild: Seppi Dabringer

Südkurier: Extrem-Bergsteiger Thomas Huber hangelt sich in seinem Vortrag gekonnt von Abenteuer zu Abenteuer. In der Stadthalle Singen berichtet der 52-Jährige über Stürze, Lawinen und dringende Bedürfnisse am Abgrund.

VON DANIEL SCHOTTMÜLLER

Thomas Huber spricht. Aber er hat dabei einen Berg im Gesicht. Verpasst hier gerade ein Lichttechniker seinen Einsatz? Sind die Scheinwerfer in der Stadthalle kaputt? Nein. Der bekannte Bergsteiger steht genau da, wo er stehen will: vor der Leinwand, auf der in den nächsten zweieinhalb Stunden Bilder und Videos jener Gipfel zu sehen sind, die ihn seit Jahrzehnten fordern und belohnen. Im Lichtspiel des Projektors verschmilzt Thomas Hubers Gesicht mit der 1000-Meter-Steilwand des El Capitan in Kalifornien. Mit der schneebedeckten Gipfelpyramide des Latok 1 in Pakistan. Und natürlich mit seinem Hausberg in den Berchtesgadener Alpen, dem Watzmann – oder "Wotzmoa", wie sich der ältere der beiden Huberbuam zum Vergnügen des Singener Publikums ausdrückt.

Ein Leben am Abgrund
Von der ersten Minute seines gleichnamigen Vortrags macht er damit klar: Es ist Steinzeit. Und wer könnte diese Botschaft besser an den Mann bringen als der 52 Jahre alte Naturbursche? Huber trägt Jeans, T-Shirt und Dreitagebart. Seine Haare fallen ihm in einer Mähne auf die muskulösen Schultern herab. Ein archaisches Aussehen, wie er zugibt. Aber zu ihm passt es wie die Faust aufs Auge. Denn Huber ist nicht nur einer der erfolgreichsten Alpinisten, den Deutschland je hervorgebracht hat: Er ist Rocksänger, Fallschirmspringer und Studienabbrecher. Trinkfest, schussfreudig und tätowiert. Ein Rebell. Einer, der nicht davor zurückscheut, seinen Zuschauern pantomimisch zu demonstrieren, was passiert, wenn man im Steilhang-Biwak auf 7000 Meter Höhe plötzlich aufs Klo muss.

Das ist das schöne an seinem Vortrag: Huber ist eine ehrliche Haut. Er gibt zu, dass ihm die Berge eben auch deshalb so gut "taugen", weil sie so weit weg sind. Sie liegen fernab von einer gierigen Leistungsgesellschaft, die vor einem Steinzeit-Menschen wie ihm die Nase rümpft. "Alles ist überversichert, alles ist genormt – man ist Teil des Systems und muss funktionieren. Am Berg bist du selbst die Norm!" Einer Gesellschaft, in der der Einzelne unterzugehen droht, stemmt sich Huber mit seinen Aufstiegen und wildem Individualismus entgegen.

Gierig ist aber auch er: "Es gibt immer den nächsten Berg", verkündet er im Brustton der Überzeugung. Schon nächste Woche wolle er nach Patagonien fliegen, sagt er mit glänzenden Augen. Vielleicht im Jahr darauf ins zentralasiatische Karakorum zurückkehren? Das, verrät Huber, sei vielleicht das unsympathische an ihm: Dass er auch als dreifacher Familienvater immer noch den Helden spielen müsse.

Er schildert, wie er sich bei einem 16-Meter-Sturz am Brendlberg eine Schädelfraktur zuzog und in Pakistan nur knapp dem Lawinentod entging. Wie er vor kurzem zwei seiner Bergkameraden verlor und deren Familien über die Tragödie informieren musste. Und doch hat sich Huber seine romantische Sicht auf die Berge bewahrt. "Unser einziger Arbeitgeber ist unser Herz", schwärmt er, wenn er über seinen Bruder Alexander und sich spricht. "Was gibt es schöneres?" Solche Aussagen werden von beeindruckenden Panorama-Aufnahmen untermalt. Sonnenauf- und -untergänge im Zeitraffer, Gipfel-Selfies und gestochen scharfe 360-Grad-Videos, von denen man nie vermuten würde, dass sie mit einer kleinen Drohne gefilmt wurden. Bilder, die das Publikum in der fast vollbesetzten Halle immer wieder mit Applaus belohnt.

Im Gegensatz dazu stehen ganz andere Gänsehaut-Momente: Wenn man mehrere Tage bei Temperaturen um die minus 30 Grad am Berg ausharrt, sich dann aber eingestehen muss, dass der Gipfel unerreichbar bleibt. Mutig sein, das bedeutet für einen Bergsteiger eben nicht nur "Arschbacken zusammenkneifen und durchziehen", sondern auch eingestehen, dass man nicht weiterkommt. "Das Schöne an den Bergen ist ja: Sie laufen nicht weg", erklärt Thomas Huber am Ende seines Vortrags. Er hätte damit genauso gut, sich selbst beschreiben können.

Die Huberbuam
Alexander (50) und Thomas Huber (52) sind Kletterer und staatlich geprüfte Berg- und Skiführer. Auf ihre ersten Touren in den Alpen und Dolomiten hatte ihr Vater die Brüder schon zu Schulzeiten mitgenommen. Internationale Berühmtheit erlangte die Seilschaft durch den Kinofilm "Am Limit", für den die Huberbuam mit dem in Singen geborenen Regisseur Pepe Danquart zusammenarbeiteten. Im Film geht es um einen Rekordversuch im Speedklettern, der den Brüdern allerdings erst zwei Jahre später glückte.

Quelle:Südkurier


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