"Einblicke in eine Komiker-Seele"

Meldung vom 12.12.2018
Alfons begeistert das Publikum in der Stadthalle Singen mit der Geschichte seiner Deutschwerdung. Bild: Manuela Fuchs

Südkurier zum Gastspiel von Alfons in der Stadthalle Singen

VON MANUELA FUCHS

Wer Alfons nur als Komiker wahrnimmt, übersieht sein Talent zum Kabarettisten. Und dann ist da noch der Mensch, dessen Großmutter im KZ Auschwitz überlebte, wo sein Urgroßvater starb. Wie Alfons von seiner Großmutter das Versöhnen lernte, erfuhr das Publikum bei Alfons' teilweise berührenden Auftritt in Singen.

Die Halle ist voll besetzt, als der Kabarettist und Kultreporter Alfons mit seiner orangefarbenen Trainingsjacke auf die Bühne kommt. „Dieser Abend wird sie überraschen“, verspricht er seinem Publikum und hält Wort. Was kann einen Franzosen dazu bewegen, Deutscher zu werden? Das war die zentrale Frage des Abends. Die Antwort liegt in Alfons Lebensgeschichte und so plauderte er aus seinen Kindertagen in Frankreich und erzählte von seiner grand-mère, seiner Großmutter, die der moralische Leuchtturm in seinem Leben war. Sie, die den weinenden Alfons nach der Geburt in ihren Arm nahm, wo er sich sofort beruhigte.

„Petit tête“, kleiner Kopf, nennt sie ihren Enkel liebevoll. Sie kann mit einem Zauberspruch den Zucker in der Pepsi-Cola neutralisieren und amüsiert ihre Mitmenschen mit einer magnetischen Plastikfliege, sogar François Mitterand verblüfft sie mit diesem Trick. Als Jugendlicher nahm Alfons an einem Schüleraustauschprogramm teil, aber anstatt der erhofften blonden Schwedin kam Olaf aus Deutschland. Wenigstens war er, wie auch Alfons, begeisterter Leser der Yps-Heftchen und züchtete Urzeitkrebse in einem Einmachglas.

Die Pianistin und Sängerin Julia Schilinksi begleitete den Künstler auf dem Klavier. Ihre eindringliche Stimme und die heiteren bis melancholischen Lieder gingen unter die Haut. Immer wieder fragte man sich, was das alles mit Alfons Deutschwerdung zu tun hat. Schließlich erzählte er von dem Brief, der alles ins Rollen brachte. „Olaf Scholz, Erster Bürgermeister von Hamburg, fragte mich, ob ich keine Lust hätte, Deutscher zu werden, nachdem ich doch schon so lange in Deutschland wohnen würde“, sagte er. Von diesem Moment an setzte sich Alfons mit Themen auseinander, wie dem Grau der deutschen Amtsstuben, Pünktlichkeit, Ordnung und Disziplin. „Stellen Sie sich einmal vor, die Deutschen hätten die Bastille erstürmt“, sagte er. „Das hätten die schon gemacht, aber nur mit Voranmeldung.“

Das Publikum quittierte seinen Humor mit schallendem Gelächter. Franzose und Deutscher zu sein, das war für Alfons anfangs ein Widerspruch, allein schon wegen seiner Familiengeschichte. Es war mucksmäuschenstill im Saal, als die Gäste hörten, dass sein Urgroßvater in Auschwitz umgekommen war und seine grand-mère nur durch Glück überlebt hatte. Erica hatte einen Tresor, und so lange Alfons denken konnte, hätte er gerne gewusst, was darin ist, aber dann starb sie und hatte es versäumt, ihm die Zahlenkombination zu hinterlassen. „Es sind die ersten Zahlen, die Du in Deinem Leben gesehen hast, petit tête“, hatte sie einmal gesagt und irgendwann begriff Alfons: es war die Auschwitz-Nummer, die auf ihren Arm tätowiert war.

Ihr Vermächtnis war ein Brief, in dem sie ihn wissen ließ, dass jeder Mensch eine Taschenlampe in sich trägt und jeder selbst entscheiden kann, wohin sein Lichtstrahl fällt. Diese liebevolle Frau wollte nicht hassen, sie wollte nur, dass so etwas nie wieder geschieht. Das war der Schlüssel zu Alfons Erkenntnis, dass man durchaus Deutscher und Franzose gleichzeitig sein kann und dass uns mehr verbindet als uns trennt.

Es gab vermutlich niemanden im Saal, der von dieser Geschichte nicht berührt war. So ging es auch Cornelia Benkö aus Singen: „Mich beeindruckt, wie Alfons es schafft, die Menschen ohne moralischen Zeigefinger zum Nachdenken zu bringen“, sagte sie. Tanja Gonsior, ebenfalls aus Singen, meinte: „Dieser Abend war ein wunderbares Lehrstück in Sachen deutsch-französischer Freundschaft.“ Das begeisterte Publikum spendete sehr viel Applaus. Merci, Alfons.

Zur Person
Emmanuel Peterfalvi alias Alfons, geboren 1967 in Paris, kam 1991 nach Deutschland, wo er 16 Monate lang Ersatzdienst in einer Auslands-Dependance eines französischen Unternehmens leistete. Sein Weg führte ihn nach Hamburg zum Pay-TV-Sender Premiere, an dem das französische Unternehmen Canal+ beteiligt war. Als Reporter Alfons mit Puschelmikrofon und orangefarbener Trainingsjacke, machte er Karriere im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, bis er eines Tages einen Brief von Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz erhielt, mit der Frage, ob er nicht Deutscher werden möchte. Den Ausschlag, dieses Angebot anzunehmen, gab die positive Lebenseinstellung seiner Großmutter, die Auschwitz überlebt hatte und sich für Frieden und Aussöhnung eingesetzt hatte. Seit dem 3. November 2017 hat Peterfalvi neben der französischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Quelle: Südkurier


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