"Die Therapie steht im Mittelpunkt"

Meldung vom 08.11.2017
Professor Klaus Hoffmann spricht im Rahmen der Reihe 'Wissenswert' über die Arbeit in der Forensik. In seinem Vortrag geht der medizinische Direktor des Zentrums für Psychiatrie Reichenau auch auf Veränderungen in Psychiatrie und Psychotherapie ein. Bild: Karin Zöller

Südkurier: Vortrag des medizinischen Leiters des Zentrums für Psychiatrie Reichenau zur Geschichte und Gegenwart der Forensik

VON KARIN ZÖLLER

In der Psychiatrie gab es in den vergangenen Jahrzehnten einige teils gravierende Veränderungen. Dies machte der Vortrag von Professor Klaus Hoffmann in der Reihe "Wissenswert" über die Arbeit in der Forensik deutlich. Dabei zeige sich auch ein Umdenken in der Gesellschaft.

Bestes Beispiel ist die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren durch das vor kurzem beschlossene Gesetz der "Ehe für alle". "Ich habe Zeiten erlebt, in denen Homosexualität strafbar war", erklärte der medizinische Direktor des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) Reichenau. Damals seien Homosexuelle in die Psychiatrie gekommen, aus heutiger Sicht unvorstellbar.

Manche Fachbegriffe hätten sich geändert, wie etwa der Begriff Schwachsinn: "Heute spricht man von schwerer Intelligenzminderung." Vorbei seien die Zeiten, in denen Leute mit Bagatellkrankheiten in die forensische Psychiatrie kommen. Das Gericht ordne die Unterbringung an, verwies er auf Paragraph 63 des Strafgesetzbuchs. Dabei gehe es um die Entscheidung, ob eine im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit begangene Tat Gefängnis oder Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus zur Folge habe.

Das zweispurige System werde in den Bundesländern unterschiedlich gehandhabt. Auswirkungen seien anhand diverser Statistiken erkennbar. Derzeit seien in Baden-Württemberg rund 1000 Menschen, meist Männer, forensisch untergebracht. Der Anteil sei hier gemessen an den übrigen Ländern am niedrigsten. Auch die Verweildauer in der Forensik liege mit drei bis vier Jahren weit unter dem bundesweiten Durchschnitt von acht Jahren.

Im ZfP Reichenau werde in der Forensik mit einer therapeutischen Gemeinschaft auf gruppenanalytischer Grundlage gearbeitet, sagte Hoffmann. Er vertrete ein System der Lockerung, eine schrittweise Heranführung der Patienten an das Leben außerhalb der Einrichtung. "Ein System, das nur auf Einschließung basiert, ist für die Sicherheit deutlich schlechter", sagte er.

Quelle: Südkurier