"Die Rückkehr des Humors in Reinkultur"

Meldung vom 14.05.2019
Begnadeter Geschichtenerzähler mit Hang zu Ausschweifungen. Torsten Sträters Auftritt in der Stadthalle Singen am Samstag ist auch deshalb etwas Besonderes, weil er um einiges anders rüberkommt als im Fernsehen. Bild: Sabine Tesche

Südkurier: Torsten Sträter bietet bei seinem Auftritt in der Stadthalle Singen hohe Sprachkunst, indem er das Prollige als Stilmittel kultiviert. Mit seiner Art des Populismus ist er weit mehr als eine Quatschtüte.

VON TORSTEN LUCHT

Es gibt Momente, da wirkt er ganz ohne Not unsicher. Überhaupt, was soll die Mütze? In der Singener Stadthalle herrscht Zimmertemperatur, von daher braucht‘s die Wolle nicht. Und eitle Bemäntelung des lichten Kopfhaars nimmt dem Mann im ausverkauften Saal ohnehin niemand ab, dafür zieht Torsten Sträter zu oft sich selbst durch den Kakao. Außerdem hat‘s der frühere Herrenschneider und Speditionsmitarbeiter ohne festen Aufgabenbereich ab Mitte vierzig innert fünf, sechs Jahren an die Spitze der Kleinkunstszene mit eigenem TV-Format und regelmäßigen Auftritten im Ersten gebracht. Woher also kommt die Ängstlichkeit?

Dass der Flattermann als Sidekick immer mal wieder die Szenen aufmischt, wird spürbar beim Exkurs über Depressionen. Oder beim Eingeständnis, dass Comedians inzwischen gut vom Witz leben können und er selbst deshalb gelegentlich geplagt wird vom Gedanken, am Ende angesichts von Eintrittspreisen von 28 Euro den Besuchern noch zwölf Euro schuldig zu bleiben. Wie sehr Torsten Sträter dem Erfolg misstraut, geht auch aus der Hoffnung hervor, dass die gesammelten Ausschweifungen auf der Bühne nach Möglichkeit doch bitte schön irgendwie in einer Rezension zu einem sinnhaften Ganzen zusammengepuzzelt werden.

Irgendwie Kneipe Ruhrpott pur
Nun, das kann er haben. Der Mann weiß gar nicht, wie gut er ist. Steht da und braucht nichts weiter als Stehtisch, Hocker, Mikro. Ab und zu ein Schluck Wasser aus der Flasche, im zweiten Teil einen Pott Kaffee. Irgendwie also Kneipe Ruhrpott pur, ganz wie an der Theke – jenem fast vergessenen Geburtsort des Mutterwitzes, auch wenn dafür bei Torsten Sträter schon mal die Oma herhalten muss. Dicker aber kann ein roter Faden für ein Programm nicht sein, da heutzutage angeblich nichts mehr geht ohne Show und Equipement, Requisite oder Choreografie. Für Torsten Sträter ist das alles Schnickschnack und der Mützenmann macht das gleich zu Beginn mit Blick auf die riesigen Bildschirme in der Singener Stadthalle deutlich, auf denen an diesem Abend nichts zu sehen ist. So was braucht er nicht.

Stattdessen imaginiert er Bilder, die sich im Gedächtnis festsetzen. Wer wird jemals noch den einzelnen Beifall in einem größeren Publikum hören, ohne dabei an den Seehund zu denken, den ein älteres Ehepaar einst als verwaistes Tierbaby aus einer Aufzuchtstation an der Nordsee adoptierte? Für immer werden die möglichen Folgen bei der Buchung eines Elektro-Kleinwagens auf Mallorca mit in den Urlaub fliegen, mitsamt der Vorstellung eines Absturzes ins Meer und anschließendem Aderlass durch den Appetit eines Haifisches. Und die Frage am Empfang eines x-beliebigen Hotels, ob denn die Anreise gut gewesen sei, setzt in den Köpfen der rund 900 Besucher künftig ihre ganz eigenen Assoziationen frei.

Er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler und Märchenonkel mit sonorer Stimmlage, der – anders als etwa ein Horst Evers, der wie Torsten Sträter die Erzählung als Stilmittel der Kleinkunst kultiviert – zugleich scheinbar aus dem Leben gegriffene Alltagsbegebenheiten mit aberwitzigen Ausschweifungen verknüpft. Als Kitt ist Torsten Sträter so gut wie jedes Mittel recht, ihm dient auch schon mal die Zote, wenn er beispielsweise das edelste Teil des Mannes zum Gnadenhammer erhebt oder jenes der Frau als Urlaubsort deklariert. Er nimmt‘s auch gern wörtlich, fragt sich, warum es keine unfreiwillige Feuerwehr gibt oder macht den Medizinball zum Treffpunkt von Ärzten, die gern tanzen.

Zum Geschichtenerzähler mit Hang zu Ausschweifungen gesellt sich die Meisterschaft des Poetry Slamers, der sich bei der Chance zur Improvisation nicht zwei Mal bitten lässt. Der Dialog mit dem Publikum führt ihn von Weihnachten zum Muttertag und als einer im Publikum den Wunsch nach Freibier äußert, beschreibt Torsten Sträter seine Alkoholunverträglichkeit am Beispiel des Konsums einer Mon-Chéri-Praline in hochprozentiger Sprachdichte. Das wirkt wie einstudiert und ist es doch nicht – spätestens beim staubenden Sack fürs Mikrofon, der in der Stadthalle Singen wohl seit ihrer Einweihung keine frische Luft gesehen hat, wird das klar.

Der solcherart als Quatschtüte auftretende Sprachkünstler will dabei nichts mit Politik an der Mütze haben, aber das stimmt so nicht. Allüberall wird der Humor selbst mehr und mehr zum Politikum – was hierzulande nicht zuletzt daran liegt, dass sich die schlechte Laune zur einzig wahren Volkspartei zu entwickeln droht. Torsten Sträter bietet ihr mit seiner Art des Populismus die Stirn und unterscheidet sich mit Hintersinn und in Erzählweise von der Stangenware und den Wühltischen eines immer beliebiger werdenden Comedian-Stadels. Es gehört zum Verdienst eines Torsten Sträters, den Stammtisch nicht länger den Dumpfbacken zu überlassen.

Er kultiviert dabei das Prollige als Stilmittel, entfremdet es so der Politik. Lachen als Befreiung ist Humor in Reinkultur und diese verteidigt Torsten Sträter in Singen, als er per Zuruf auf seine Rolle in der TV-Satire-Sendung mit Dieter Nuhr angesprochen wird. Um des Witzes willen hat dieser sich in jüngster Zeit für manche Freunde des Kabaretts einige Male verstiegen, weil die Witze nicht konform mit den Auffassungen von Zuschauern ausfallen. Doch die Haltung des Kollegen orientiert sich laut Torsten Sträter nicht an der politischen Überzeugung. Immer wenn sich eine Lücke in Selbstgefälligkeit und -gewissheit auftut, mache sich Dieter Nuhr eben lustig. Mehr steckt laut Torsten Sträter nicht dahinter und diese Auffassung, so darf man annehmen, ist nicht nur dem Freund und Förderer geschuldet.

Zur Person
Torsten Sträter hat es innerhalb weniger Jahre an die Spitze der Kleinkunstszene gebracht. Im WDR bekam er einen Sendeplatz für sein Format "Sträters Männerhaushalt", das jetzt auf Wunsch des Künstlers eingestellt wurde. Torsten Sträter ist regelmäßig in der Satiresendung "Nuhr im Ersten" sowie gelegentlich in der Sendung "Extra 3" zu erleben. 2018 wurde er mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet, der als höchste Würdigung im Bereich der Kleinkunst gilt. Torsten Sträters künstlerische Laufbahn verlief ungewöhnlich, sie begann für den 52-Jährigen erst vor etwa zehn Jahren. (tol)

Quelle: Südkurier


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