"Die Einsamkeit moderner Familien"

Meldung vom 23.01.2019
Ernste Gespräche zwischen Mutter Bettine (Ulla Wagener) und Sohn Marc (Lukas Schöttler), der nach dem Abitur orientierungslos herumgammelt. Bild: Gudrun Trautmann

Südkurier: Wie eine Aufführung zur Lebenshilfe werden kann: Die "Wunschkinder" geben in der Stadthalle Singen zu denken. Die Autoren zeichnen in dem Stück ein nüchternes Gesellschaftsbild.

VON GUDRUN TRAUTMANN

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Wer mit einer romantischen Vorstellung an "Wunschkinder" in die Singener Stadthalle gekommen war, wurde mit einer knallharten Version moderner Kleinfamilien konfrontiert. Das Schauspiel von Lutz Hübner und Sarah Nemitz analysiert den Zeitgeist, indem es dem Publikum Mechanismen des menschlichen Zusammenlebens in vor Augen hält. Dabei spielt der Egoismus eine große Rolle.

Die Story des Stücks ist schnell erzählt: Der 19-jährige Marc hat auch ein halbes Jahr nach seinem Abitur außer Party feiern nichts im Sinn. Seine Eltern Bettine und Gerd können ihn zu nichts motivieren. Nach beruflichen Stationen im Ausland hat die Familie den Anschluss an die Gesellschaft verloren. Ihre Gedanken kreisen alleine um den einzigen Sohn. Doch wie soll man sich jetzt voneinander abnabeln?

Harte Schule des Lebens
Marc kommt erst auf andere Gedanken, als er Selma kennenlernt. Die lebt mit ihrer alleinerziehenden, psychisch labilen Mutter Heidrun in prekären Verhältnissen. In der harten Schule des Lebens verfolgt sie mit zwei Jobs und im Abendgymnasium zielstrebig ihre Pläne. Die geraten allerdings aus den Fugen, als sie von Marc schwanger wird. Marc, den sie jetzt am meisten brauchen würde, ergreift erst einmal die Flucht. Sämtliche gut gemeinten Ratschläge, auch die der flippigen Tante Katrin, laufen ins Leere.

Je mehr der Konflikt anschwillt, desto weiter entfernen sich die einzelnen Figuren voneinander. Der erfolgsverwöhnte Vater Gerd, nuancenreich gespielt von Martin Lindow, will das Problem mit Hilfe einer Abtreibung und Geld schnell aus der Welt schaffen. Die verständnisvolle Mutter Bettine (Ulla Wagener) sieht hingegen in der Rolle der erziehenden Großmutter eine sinnvolle Aufgabe für ihre eigene Zukunft. Heidrun (in ihrer Verwirrtheit sehr plastisch dargestellt von Katharina Heyer) fürchtet nur noch den Verlust ihrer eigenen Tochter und möchte aus dem Fenster springen.

Katrin (Claudia Wenzel), die ewig Verständnisvolle und in der Flüchtlingshilfe Engagierte, provoziert mit ihren ungefragt erteilten Ratschlägen einen handfesten Streit mit ihrer Schwester Bettine. Und Selma (Josepha Grünberg, authentisch) und Muttersöhnchen Marc (Lukas Schöttler, überzeugend blass) können in ihrer Panik und Hilflosigkeit gar nicht mehr miteinander sprechen. So erfährt Marc nahezu beiläufig, das Selma den Fötus längst wieder verloren hat. Mehr Einsamkeit geht kaum.

Der Wiedererkennungswert der Geschichte ist groß. So mancher Konflikt wird sich auch in Singener Elternhäusern kaum anders abspielen. Das hat eine befreiende Komik. Doch die Lacher bleiben dem Publikum schnell im Hals stecken. Zumal die Bühne in ihrer Nacktheit keinerlei heimelige Rückzugsmöglichkeit bietet. Die Handlung spielt auf einer überdimensionalen, dreistufigen Gittertreppe. Alleine eine große Bettdecke, ein Kissen und Haussocken vermitteln einen Hauch von Intimität. Es gibt nichts, was von der Handlung ablenken könnte.

Die gesamte Konzentration der Zuschauer richtet sich auf die Schauspieler selbst. Die huschen, rennen, schlendern und tanzen über die Metallgitter. Sie liegen und sitzen auf ihnen oder fliehen darunter. Die fast nackte Bühne verstärkt nicht nur das Gefühl der Einsamkeit, sondern auch das der Schutzlosigkeit. Nichts lenkt ab von den Konflikten zwischen den Generationen. Was zunächst banal alltäglich erscheint, wird zum Aha-Effekt. Weil jeder schon ähnliche Szenen selbst erlebt hat, gibt es einiges zum Nachdenken. "Zum Glück ist mir das mit meinen Söhnen erspart geblieben", sagt eine Zuschauerin zu ihrer Nachbarin. Eine andere findet den Stoff zu banal. Den meisten scheint das Stück jedoch einen neuen Blick auf eigene Generationenkonflikte zu eröffnen. Das jedenfalls lässt der kräftige Applaus vermuten.

Theater und Alltag
Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben sich als Theater-Autoren in "Wunschkinder" zum dritten Mal mit dem Thema Eltern-Kind-Beziehung auseinandergesetzt. Nach dem Erfolgsstück "Frau Müller muss weg" und dem Folgestück "Abiball" dreht sich auch im jüngsten Stück alles um die Konflikte, die im Laufe einer langen Entwicklung und Erziehung bis zum Erwachsenwerden entstehen. Ein Thema aus dem Alltag, das alle angeht. Auf der Bühne leistet es auf niederschwellige Art Lebenshilfe. Nachträglich aktualisieren die Autoren ihre Stücke um Themen wie zum Beispiel die Flüchtlingshilfe. Die Lebensnähe und die prominente Schauspielerbesetzung machen offenbar den Erfolg der Eltern-Kind-Trilogie aus.

Quelle: Südkurier


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