"Auf die sanfte Art zu noch mehr Schärfe"

Meldung vom 24.09.2020
Boris Palmer übt sich bei der Singener Veranstaltungsreihe „WissensWert“ in der gewählten Ausdrucksweise. Seiner Rede nimmt das nichts. Im Gegenteil schärft sie die Argumente des streitbaren Tübinger Oberbürgermeisters. Bild: Sabine Tesche

Südkurier: Boris Palmer verzichtet in der Stadthalle Singen auf die Rolle des polternden Querkopfs. Seiner Argumentation tut das gut, sie gewinnt an Schärfe

VON TORSTEN LUCHT

Er kann auch anders. Boris Palmer bürstet gern gegen den Strich und mutet mit seinen Zuspitzungen selbst seinen Parteifreunden mit schöner Regelmäßigkeit einiges zu. Und das soll etwas heißen, denn immerhin leben die Grünen nach wie vor nicht schlecht vom Nimbus einer ausgeprägten Streitkultur. Endgültig im Sinkflug befindlich schien der Stern des Oberbürgermeisters von Tübingen mit der kaltschnäuzigen Aussage zu Beginn der Corona-Pandemie, dass mit dem Lockdown Menschen gerettet würden, die ohnehin bald tot wären.

Knapp ein halbes Jahr später erleben rund 100 Besucher in der Stadthalle Singen einen Boris Palmer, dem scheinbar die Lust an der Provokation abhanden gekommen ist. Stattdessen wird der 48-Jährige dem seriösen Anspruch der Veranstaltungsreihe mit dem Titel WissensWert auf allen Ebenen gerecht. Dabei bieten die pointierten Fragestellungen der Leiterin des Singener Bildungswerks, Monika Fander, sowie des Leiters der katholischen Seelsorgeeinheit, Jörg Lichtenberg, durchaus Steilvorlagen für deftige Antworten. Doch Boris Palmer lässt sich zu nichts hinreißen. Er antwortet besonnen, bettet mitunter die kleinteilige Kommunalpolitik von Tübingen mühelos in den globalen Kontext ein, bezieht Stellung zu Corona und Verschwörungstheorien, wägt beim Dilemma in der Flüchtlingspolitik gleichermaßen Argumente und Wortwahl ab. An diesem Abend gibt es bei ihm noch nicht einmal ein Schwarzweiß bei seinem Kernthema des Klimawandels, dafür zitiert er gesellschaftspolitische Denker wie Ralf Dahrendorf, Karl Marx oder Max Weber und kommt dabei nicht schulmeisterlich rüber. Er wirkt charmant.

Wie kommt’s? Hat da jemand Kreide gefressen? Oder handelt es sich um eine verfrühte Form von Altersmilde? Der Eindruck drängt sich auf – zumal denjenigen, die Boris Palmer beim Schätzelemarkt in Tengen vor zwei Jahren erlebten. Ohne Frage, der Mann kann Festzelt und ein Amt als Tribun wäre ihm in Zeiten des alten Rom so gut wie sicher. Nichts davon scheint übrig geblieben, bis in die Stimmlage reicht der Wandel und dass er Platz auf einem Sofa nehmen darf, verstärkt die Wohnzimmeratmosphäre. Schade, dass kein Kaminfeuer prasselt und eine Wanduhr den Big Ben gibt.

Doch die Besucher täuschen sich. Tatsächlich gewinnen der scheinbar weichgespülte Boris Palmer und seine Rede an Schärfe, denn da zieht einer nicht mehr nur vom Leder. Schon immer bedenkenswert war, was er sagte, bedenklich war das Wie. Der Verzicht aufs Poltern aber – so wie in Singen praktiziert – verleiht den Analysen und Einschätzungen des Politikers eine Schärfe von geradezu chirurgischer Qualität. Das schmerzt – etwa, wenn er die lieb gewonnene Bequemlichkeit von Gut und Böse bei politischen Ausgrenzungen angreift. „Nur weil ich einen Satz sage, den auch jemand von der AfD geäußert hat, bin ich noch nicht bei der AfD“, kontert er beispielsweise die Verortung seiner Person und Überzeugungen als grüner Sarrazin.

Für Boris Palmer handelt es sich bei derartigen Kurzschlüssen um ein „Problem der Kontaktschuld“ in der politischen Diskussion, doch eine solche Dämonisierung helfe am Ende nur den Falschen. Er jedenfalls will sich die Argumente von niemanden und schon gar nicht von der AfD nehmen lassen, weshalb er auch beim Thema Rassismus ohne verbale Rückversicherung spricht. Der Tübinger OB berichtet vom Rauschgift-Handel in seiner Stadt, der über geraume Zeit fest in den Händen einer Gruppe von Flüchtlingen aus Gambia lag. Sind deshalb alle Flüchtlinge kriminell? Natürlich nicht, aber auf die klare Benennung der Täterschaft und die Ursachen will Boris Palmer gleichwohl nicht verzichten.

Im Kontrast zum lauschigen tête-à-tête auf der Bühne steht auch die stichhaltige Sichtweise auf das Dilemma in Moria. Klar seien das furchtbare Nachrichten, klar ist für Boris Palmer auch die sich daraus ergebende humanitäre Verpflichtung. Für ihn stellt sich jedoch die Frage, was daraus folgt. „Das eine Elend ist nicht besser als das andere“, sagt er mit Verweis auf die rund fünf Millionen Kinder, die jährlich wegen weltweit unfair gestalteter Lebensverhältnisse sterben. Und so hätte er gar nichts dagegen, jährlich zum Beispiel 300.000 Menschen in Deutschland auch ohne Asylgrund aufzunehmen. Am Kern des Dilemmas aber ändere das nichts: „Den Zusammenhalt der Gesellschaft müssen wir immer mit einrechnen.“

Quelle: Südkurier


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